Großes Echo für BrauDich


von Anja Ingelmann / Darmstädter Echo

Der Auftakt ist gründlich daneben gegangen.
Der Kran hatte die Sudanlage am Haken und schon einen halben Meter in die Höhe gehoben. Da rutschte ein Seil heraus, die Tragvorrichtung fiel in die Anlage und die viereinhalb Tonnen schwere Maschine krachte zu Boden. Nur ein paar Zentimeter weiter und sie hätte Martin Walters Fuß getroffen. Der blieb heil, aber die Steuerung der Anlage war kaputtgegangen. „Ich habe erst einmal gedacht: Das war’s“, sagt Walter. Die Sudanlage mit ihren zwei kupfernen Kesseln sollte das Herzstück einer kleinen, neuen Brauerei werden. Über 30 Jahre war sie in der Hausbrauerei der Bensheimer Gaststätte Burggraf im Einsatz. Walter ist gelernter Braumeister, heute im Hauptjob Technischer Leiter in der Pfungstädter Malzfabrik und führte die Burggraf-Brauerei im Nebenerwerb. Vor eineinhalb Jahren entschied der Besitzer des Restauants, das Brauen aufzugeben. Der 45-jährige Bickenbacher aber konnte sich ein Leben ohne Kessel und Kühltank nicht vorstellen. Also beschloss er, allein weiterzumachen, und hatte bald zwei langjährige Freunde als Mitstreiter gewonnen: Marcel Kopp (37), der ebenfalls Braumeister und aus Bickenbach ist, und heute im Vertrieb beim Getränke-Anlagenbauer Krones beschäftigt ist, und den Jugenheimer Strategieberater Tom Hill (55). Der Entschluss, die Maschinen aus Bensheim zu übernehmen und damit eine eigene Brauerei an den Start zu bringen, war schnell gefasst. In einer früheren Apfelweinkelterei in Pfungstadt fand das Team den idealen Standort. Es sollte aber nicht irgendein Bier sein.

Bier lebt von seiner Frische.
"Und das wollten wir perfektionieren“, sagt Kopp. In vielen Brauereien würde das Bier auf irgendeine Art haltbar gemacht, doch das gehe zulasten des Geschmacks. Das Trio wollte es anders machen und ein „Frischebier“ kreieren, das nach der Reifezeit direkt zum Kunden geht. Doch der 19. März 2020,der Tag, an dem die Sudanlage vomHaken fiel, stellte das auf eine harte Probe. „Wir haben uns dann aber zusammengerauft und beschlossen: Jetzt machen wir es erst recht. Wir trauen uns!“, erinnert sich Hill. Daraus entstand schließlich der Firmenname.

Bald entstanden die ersten Versuchssude und es ging ans Probieren. Zu Ostern folgte dann ein erster Probelauf mit120 Litern „Helles“in 300 Flaschen (mit von Hand ausgeschnittenen Etiketten). Der lief„sensationell“, nach zwei Tagen hatten bereits 200 Flaschen das Haus verlassen. Neue Biere sind bei Szenekennern offenbar gefragt. In einem Internetportal sei man schon mit Fünf-Sterne-Bewertungen bedacht worden, heißt es. Das naturtrübe Bier besteht nur aus Brauwasser, Gerstenmalz, Hopfen und Hefe. Am Markt nehme es eine Sonderstellung ein. Es trägt zwar auch das vorgeschriebene Mindesthaltbarkeitsdatum,

Fünf Wochen nach Reife: perfekter Geschmack. 
Kern des Konzepts ist aber ein sogenanntes Frischedatum auf dem Etikett. „Bis fünf Wochen nach Reife: perfekter Geschmack. Bis acht Wochen: sehr gut. Bis zwölf Wochen: zügig austrinken, ist dort zu lesen. „Wir haben bei unseren Recherchen keine Brauerei in Deutschland gefunden, die das so handhabt“, sagt Kopp. BrauDich verkauft seine Flaschen, die übrigens braun sind, nur aus einem geschlossenen Kühlschrank oder als Gebinde im geschlossenen Karton (acht mal 0,5 Liter oder neun mal 0,3). So bekommt der Inhalt kaum UV-Licht ab. Das setzt nämlich Alterungsprozesse in Gang, die dem Geschmack nicht gut tun. Die Preispolitik ist einfach: Ein Liter kostet 4,20Euro. Für Gastronomen oder Partys gibt‘s auch Bier vomFass.

Das Vertriebsmodell ist ungewöhnlich
Denn ein Sud wird erstaufgesetzt,wenn es genug Bestellungen gibt. Das ist über die Internetseite www.braudich.beer möglich. Zunächst will man online und im Hofladen nebenan verkaufen. Vor zwei Wochen wurde der erste „richtige“ Sud für 1100 Liter angesetzt. Anfang Juni ist das Bier erhältlich. Anlage und Tanks ermöglichen ein Brauvolumen von 1500 Hektolitern im Jahr. Das ist winzig im Vergleich zu den großen Nachbarn mit den grünen Flaschen, die bis vor der Krise knapp 200.000 Hektoliter im Jahr an den Mann brachten. Fürs erste Jahr rechnen die Gründer im besten Falle mit 200.000 Euro Umsatz. „Wenn es die Nachfrage hergibt, können wir auch irgendwann das große Raddrehen“, sagt Walter. Ihre festen Jobs wollen sie behalten, bei BrauDich könne dann Personal aufgestockt werden, heißt es.

Mit 1500 Brauereien und 27.000 Beschäftigten liegt Deutschland mit seinen Brauereien in Europa auf einem Spitzenplatz. Weil Gasthäuser geschlossen und Feste abgesagt sind, steckt die Branche aber derzeit in der größten Krise der Nachkriegszeit. Erst im März, nach einem Hilferuf von 300 Brauereien, hat die Bundesregierung Hilfen zugesichert. Zuvor waren viele Brauereien durchs Raster gerutscht. Schon vor der Pandemie war der Markt schwierig, weil die Deutschen immer weniger Bier trinken. Es ist also eine mutige Entscheidung, gerade jetzt eine neue aufzumachen, und das in Pfungstadt. Die dortige Traditionsbrauerei der Hildebrands wurde erst vor einem Jahr mit einer Rumpfmannschaft aus der Insolvenz gerettet.

Die Jungs von BrauDich

Aber Walter, Kopp und Hill sind von ihrem Vorhaben überzeugt. Die Kombination aus Braumeistern, Krones-Vertriebler sowie Strategieberater hat sich schon bewährt. „Wir haben das neue Unternehmen von Grund auf geplant“, sagt Berater Hill. Mit unzähligen Flipcharts wurden Strategie, Produkt, Vertriebs- und Marketingkonzept entworfen. Am Ende sei alles so durchdacht gewesen, dass der Designer in wenigen Tagen ein Logo entworfen hatte. Mit etwas Fantasie erinnert die Hopfenblüte darin an eine Rakete. Ob es zum Durchstarten reicht, wird sich zeigen. Aktionen in den sozialen Netzwerken und an Silvester,als man mit dem Logo die Malzfabrik beleuchtet hatte,haben immerhin für einen Bekanntheitsgrad gesorgt. Eine Trau-Dich-Edition für Hochzeiten ist ebenfalls in Planung. Für all das haben die Gründer viele Tage und Nächte investiert – und viel Geld. Rund 200.000 Euro an Eigen- und Kreditmitteln hat BrauDich bereits verschlungen. Fest steht: Die trauen sich was.



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